Wie werden Moulagen hergestellt?

Moulagenanfertigung, Navena Widulin

Öffnet externen Link im aktuellen FensterEmpfehlungen zum Erhalt von Wachsmoulagen -
Empfehlungen für Hochschulen, Kliniken, Sammlungen und Museen
Dresden, 2009

 

Grundsätzlich unterscheidet man zwei Bearbeitungsmöglichkeiten von Wachs: Vom Bossieren oder Modellieren spricht man, wenn man einen Gegenstand frei in der Art eines Bildhauers formt. Wird zuerst eine Negativform hergestellt und diese dann mit Wachs ausgegossen, spricht man vom Moulieren oder Moulagieren. Klassischerweise wurde beim Moulieren seit frühester Zeit für die Anfertigung des Negativs Gips verwendet. Durch seine hervorragenden Eigenschaften als feinzeichnendes Abformmaterial hat er sich über viele Jahrhunderte bewährt. Seit der Entwicklung von Kunststoffen konnte man auf neue flexible Abdruckmaterialen zurückgreifen, die verbesserte Eigenschaften hinsichtlich der Verarbeitung und Haltbarkeit aufwiesen. Die Anzahl der Reproduktionen die aus einer Kunststoffform hergestellt werden konnten, waren sehr viel höher als die aus einer Gipsform.

Erhielt der Mouleur den Auftrag zur Abformung, führte er seine Arbeiten in seinem Atelier oder, je nach Schwere der Erkrankung und der damit verbundenen Bewegungseinschränkung, direkt im Zimmer des Patienten durch. Mit Blick auf die Kranken war sehr viel Einfühlungsvermögen gefragt, denn wenn man die moulierten Befunde betrachtet, ist es bei den meisten kaum vorstellbar, dass eine Abformung ohne Schmerzen einherging. Umso wichtiger war es, ein Vertrauensverhältnis zum Patienten aufzubauen. Jeder Handgriff musste sitzen. Wichtig war zuerst die Auswahl einer Körperregion die das Krankheitsbild gut darstellte. Der Patient musste eine entspannte Position einnehmen, denn die spätere Moulage sollte natürlich wirken. Danach trug der Mouleur den streichfähigen Gips direkt auf die betroffene Region auf. War die Region sehr groß oder hatte Hinterschneidungen, mussten mehrteilige Formen angefertigt und sogenannte Sprengfäden gelegt werden. Nur in seltenen Fällen wurde ein Trennmittel (Öl, Vaseline o.ä.), etwa bei starkem Haarwuchs, auf die Haut aufgetragen. Der Mouleur war bemüht, jedes kleinste Detail des Befundes so genau wie möglich im Negativ zu bannen. Nach Aushärtung der Form konnte sie behutsam abgenommen werden. Im Atelier wurde die Wachsmischung im Wasserbad erhitzt und mit in Terpentin gelösten Ölfarben oder Farbpigmenten eingefärbt, bis der Grundton des abgeformten Hautareals erreicht war. Das kurze Eintauchen der Gipsform in heißes Wasser unmittelbar vor dem Ausgießen mit Wachs erleichterte das Entformen des erkalteten Wachspositives. Noch bevor Veränderungen am Befund auftraten, musste die Moulage direkt am Patienten koloriert werden. Retuschierarbeiten, wie das Beseitigen von Trennlinien, kleineren Löchern oder Rissen, erfolgte mittels erwärmten Modellierspateln noch vor der Koloration.

Zur Darstellung der Hautfarbe und des Befundes etablierten sich zwei Methoden. Bei der „Übermaltechnik“ trug man Ölfarbe auf das zuvor schon im Grundton eingefärbte Wachspositiv in mehreren dünnen Schichten von außen auf. Bei der „Untermaltechnik“ wurde zuerst eine dünne Wachsschicht in das Gipsnegativ gegossen, um sie anschließend von innen her detailgetreu zu bemalen. Darauf folgte der Guss einer weiteren Wachsschicht, die wiederholt nach gleichem Schema bemalt wurde, solange bis das Wachs mindestens eine Stärke von 4-5 mm aufwies und entformt werden konnte. Diese Technik stellte höchste Anforderungen an das Können des Mouleurs. Aufgrund ihrer schwierigen und umständlichen Handhabung setzte sie sich allerdings nicht durch. Die Bemalung einer Moulage erfolgte ausschließlich bei Tageslicht, damit sich der Befund realistisch und naturtreu darstellte. Ausgedehnte Hautveränderungen wie Blasen oder Schuppen (Hauteffloreszenzen) und Haare wurden nachträglich eingesetzt. Nach der Fertigstellung wurde die Moulage auf einem Holzbrett befestigt. Mit wachsgetränkter Watte als Träger- bzw. Fütterungsmaterial wurde sie auf Nägel, die in dem Brett verankert waren aufgeschmolzen. Zuletzt erfolgte das Ummanteln der äußeren Gussränder mit einem Leinenstoff. Die Moulage wurde datiert, signiert und mit einem Diagnoseeintrag versehen.

Kontakt

Navena Widulin
Medizinische Präparatorin
t: +49 30 450 536 096

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