Geschichte des Wachsbildnerei und Moulagenkunst

Darstellungen aus Wachs haben eine lange Tradition. Bereits im alten Ägypten verwendete man zur Einbalsamierung von Mumien Wachs (mum=Wachs) und bemalte sie. In Griechenland und Italien wurden daraus Götterbilder, Masken für den Totenkult, Blumen und Früchte hergestellt. Mit wächsernen Votiven, den Darstellungen menschlicher Organe und Körperteile, dankte man in Tempeln und an Heilkultstätten für Genesung. Zu Beginn der hellenistischen Zeit kamen erstmals dem Original entsprechende Wachsbildnisse auf, die als Ahnenbilder verehrt wurden.

Die Wachsbildnerei (Keroplastik) entwickelte sich fortan zu einer eigenständigen Kunst. Diese Kunstfertigkeit, die sich in der Antike vor allem auf den religiösen (Votivwesen) und gedenkenden (Totenkult) Aspekt bezog, erhielt sich bis ins Mittelalter und die Renaissance hinein und wurde dann unter anderem um die Nutzung in der Wissenschaft erweitert. Leonardo da Vinci (1452 – 1519) beispielsweise war im späten 15. Jahrhundert einer der ersten, der Wachs verwendete, um die Anatomie zu studieren. Er goss Herz- und Hirnventrikel mit Wachs aus.

Im 17. Jahrhundert injizierte Frederik Ruysch (1638 – 1731), ein Amsterdamer Anatom, seinen Präparaten zur Darstellung der Blutgefäße gefärbtes Wachs in die Blutbahnen. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich in Florenz und Bologna die anatomische Wachsbildnerei. Ihr bekanntester Vertreter war Giulio Gaetano Zumbo (1656 – 1701), der in enger Zusammenarbeit mit Anatomen und Bildhauern anatomische Ganzkörperwachsfiguren in höchster Perfektion schuf, sowie in Detailstudien auf menschliche Schädelknochen ganze Köpfe in Wachs ausmodellierte.

Im 18. Jahrhundert entstanden ganze Serien von anatomischen Wachsmodellen, die in großen Sammlungen aufgestellt wurden und einen umfassenden Einblick in den menschlichen Körper ermöglichten. In Florenz wurden sie ab 1775 im „Reale Museo della Fisica e Storia Naturale“, genannt „La Specola“, gezeigt, das zu deren Anfertigung eigene Werkstätten besaß. Von den Wachsmodellen begeistert, kaufte Kaiser Joseph II. im Jahr 1780 1.192 Wachsmodelle für die zukünftige Medizinisch-chirurgische Akademie in Wien. Dort wurden sie sowohl für Studenten als auch für die Öffentlichkeit aufgestellt. Erste idealisierte Darstellungen an der Grenze zwischen Anatomie und Pathologie zeigen die geburtshilflichen Wachsmodelle in diesen Sammlungen, die bis heute unter anderem in der Wiener Sammlung des Josephinums zu sehen sind.

Vereinzelt und parallel zum steigenden Interesse an der Pathologie entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts erste Moulagen als Darstellung krankhafter Körperregionen. Die ersten Pioniere der Moulagenkunst arbeiteten jedoch unabhängig und ohne gegenseitiges Wissen voneinander: Franz Heinrich Martens (1778-1805) in Jena, Joseph Towne (1806-1879) in London und Anton Elfinger (1821-1864) in Wien. Sie schufen erste Krankenbilder in Wachs, mit ihrem Tod jedoch wurde die Produktion an den jeweiligen Orten zunächst wieder eingestellt.

Schlüsseldatum für die Moulagen ist das Jahr 1889. Auf dem ersten internationalen „Congress für Dermatologie und Sypholographie“ in Paris wurden Teile der über 2.000 Stücke umfassenden Sammlung des Pariser Mouleurs Jules Pierre Francois Baretta (1834-1923) gezeigt. Die Objekte stießen bei dem internationalen Fachpublikum auf großes Interesse und sie trugen die Idee, Krankheitszeichen in Wachs zu bannen in die ganze Welt. Zahlreiche Sammlungen entstanden in der Folgezeit an den medizinischen Zentren. Vor allem in der Dermatologie und Venerologie, der Augenheilkunde, Kinderheilkunde, Gerichtsmedizin und in der Chirurgie wurden fachspezifische Moulagen hergestellt.

Große, zumeist universitäre Kliniken hatten für diese Zwecke eine/n eigene/n Mouleur/Moulerin angestellt. Eine spezielle Ausbildung gab es nicht, meistens kamen die Mouleure und Mouleurinnen aus dem kunsthandwerklichen oder bildhauerischen Bereich. Die spezielle Technik der Moulagenherstellung wurde, wenn überhaupt dann nur selten vom Meister an einen geeigneten Schüler weitergegeben.

Moulagen blieben bis in die 1940er Jahre hinein ein weit verbreitetes Lehr- und Studienobjekt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde aufgrund des hohen Pflegeaufwands und durch die Konkurrenz der Farbdiafotografie auf die Erhaltung und Restaurierung von Sammlungen verzichtet. In Deutschland gingen zahlreiche Bestände schon im Zweiten Weltkrieg verloren. Die Moulage verschwand zunehmend aus dem Lehrbetrieb und wanderte in Keller und Depots.

Seit den 1990er Jahren werden Moulagen zunehmend als kultur- und medizinhistorisches Studienobjekt sowie als museales Schaustück entdeckt und in unterschiedlichen Kontexten präsentiert. In die Lehre kommen sie vereinzelt als Demonstrationsobjekte wieder zum Einsatz. Nur an wenigen Orten waren sie die ganze Zeit über für Studenten zugänglich. Neuerdings werden Anstrengungen unternommen, erhaltene Bestände zu restaurieren. Die Nutzung in der Lehre nimmt zu und mancherorts werden wieder neue Moulagen angefertigt.

Kontakt

Navena Widulin
Medizinische Präparatorin
t: +49 30 450 536 096

Veranstaltungen

Keine Ergebnisse